Künstliche Intelligenz im Fokus: BNS organisiert hochkarätig besetzten Pädagogischen Tag für die Lehrkräfte
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Leuchtturmprojekt „Arbeiten, Lernen und Leben mit Künstlicher Intelligenz
Am Montag, dem 31. August, durften die Schülerinnen und Schüler der Bischof-Neumann-Schule in Königstein ausnahmsweise ausschlafen. Für ihre Lehrerinnen und Lehrer begann der Schultag dagegen früh – und mit einem Thema, das nicht nur die Bildungswelt nachhaltig verändern wird: Künstliche Intelligenz.
Motiviert und mit vielen Fragen im Gepäck versammelten sich die Lehrkräfte in der Bühnenhalle der Schule zu einem Impulsvortrag von Professor Dr. Holger Horz, wissenschaftlicher Leiter und Studiendekan des Fachbereichs Psychologie an der Goethe-Universität Frankfurt sowie geschäftsführender Direktor der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung (ABL).
In einem ebenso fulminanten wie informativen Einführungsvortrag (gestützt durch KI-generierte Folien) gab Professor Horz einen Überblick über den aktuellen Stand von Forschung und Entwicklung im Bereich Künstliche Intelligenz, Chatbots und deren Einsatz in Schule und Bildung. Sein Vortrag trug den zunächst kryptisch wirkenden Titel „SAM in der VUCA-Welt“.
SAM-Kompetenzen für eine VUCA-Welt
SAM steht für drei zentrale Kompetenzen, die sowohl Lehrende als auch Schülerinnen und Schüler künftig verstärkt benötigen:
Selbstregulation, Ambiguitätstoleranz und Methodenkompetenz.
Diese Kompetenzen seien insbesondere in einer sogenannten VUCA-Welt gefragt – einer Welt, die volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig (Ambiguität) ist. Gerade die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz mache deutlich, wie wichtig es sei, mit Veränderungen umgehen, Informationen kritisch einordnen und neue Technologien reflektiert nutzen zu können.
Professor Horz betonte dabei immer wieder, dass die Entwicklung von KI, ihre Fähigkeiten, Anwendungsmöglichkeiten und auch ihre Risiken rasant voranschreiten. Sein Vortrag könne deshalb nur eine Momentaufnahme des aktuellen Forschungs- und Entwicklungsstands sein – ein Stand, der bereits am nächsten Tag wieder überholt sein könne.
Rasante Entwicklung: In wenigen Jahren zur Alltagstechnologie
Wie schnell sich Künstliche Intelligenz entwickelt hat, verdeutlichte Professor Horz anhand eines eindrucksvollen Vergleichs: Während die Entwicklung des Homecomputers rund 33 Jahre, die Verbreitung des Internets etwa 22 Jahre und die Entwicklung des Mobiltelefons rund sieben Jahre in Anspruch genommen habe, sei die generative Künstliche Intelligenz in nur etwa dreieinhalb Jahren zu ihrer heutigen Leistungsfähigkeit gelangt. Eine zentrale Kompetenz im Umgang mit KI sei deshalb die Fähigkeit, gute Fragen und präzise Anweisungen – sogenannte Prompts – zu formulieren. Die Qualität der von einer KI erzeugten Texte und Antworten hänge entscheidend von der Qualität der Eingabe ab.
Auch die bekannten sogenannten „Halluzinationen“, also erfundene oder fehlerhafte Inhalte, seien Gegenstand der Verbesserungsbemühungen. Professor Horz machte deutlich, dass sich die Systeme in diesem Bereich weiterentwickelt hätten, Fehler aber weiterhin kritisch geprüft werden müssten.
Gefahren und Chancen
Welche Risiken mit der Nutzung Künstlicher Intelligenz im schulischen Bereich verbunden sind, zeigte Professor Horz anhand einer langen Liste möglicher Gefahren. Genannt wurden unter anderem Abhängigkeit, ein möglicher Verlust von Lesekompetenz, Datenschutzprobleme, die mangelnde Fähigkeit, Quellen kritisch zu hinterfragen, sowie akademische Unredlichkeit durch das Verschweigen von Quellen oder das unreflektierte Kopieren von KI-generierten Texten.
Gleichzeitig ist die Liste der Chancen und Möglichkeiten mindestens ebenso umfangreich.
Gerade für Schülerinnen und Schüler kann KI neue Lernmöglichkeiten eröffnen: Sie kann beim Bearbeiten von Hausaufgaben unterstützen, etwa indem sie bei Verständnisfragen Hilfestellung gibt, ohne die eigentliche Denkleistung zu ersetzen. Auch bei der Strukturierung von Forschungsprojekten, bei der Erschließung von Quellen und beim Spracherwerb können KI-Anwendungen eingesetzt werden.
Darüber hinaus können Schülerinnen und Schüler mithilfe von KI beispielsweise historische Persönlichkeiten als Gesprächspartner simulieren und so interaktive Geschichtsstunden erleben. Weitere Potenziale liegen im individualisierten Lernen, in der Förderung kritischen Denkens und in der Möglichkeit, unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten innerhalb einer Klasse besser zu berücksichtigen.
Auch für Lehrkräfte eröffnen sich neue Möglichkeiten: Unterrichtsmaterialien und Arbeitsblätter lassen sich in kurzer Zeit erstellen und an unterschiedliche Lernniveaus anpassen.
Besonders großes Interesse weckte bei den Lehrkräften die Perspektive, Klausuren künftig mithilfe von KI objektiver und effizienter korrigieren zu können. Noch seien die Systeme allerdings nicht zuverlässig genug, um handschriftliche Schülerarbeiten sicher zu interpretieren. Auch hier schreite die Entwicklung jedoch rasant voran. Mit großer Heiterkeit wurde diese Möglichkeit in den anschließenden Workshops praktisch getestet.
„Das akademische Arbeiten wird sich fundamental verändern“
Professor Horz fasste die zu erwartenden Veränderungen so zusammen:
„Das akademische Arbeiten, also das Lesen, Schreiben und Recherchieren, wird sich fundamental verändern. Ich sage voraus, dass Noten irgendwann der Vergangenheit angehören werden, da es keinen Sinn mehr macht, reines gespeichertes Wissen abzufragen. Die mündlichen Abfragen und die Argumentationen werden viel mehr Raum einnehmen und eine realistische Bewertung von Leistung und Lernfortschritten ermöglichen.“
Umso wichtiger sei es, junge Menschen darauf vorzubereiten, Künstliche Intelligenz kritisch und konstruktiv einzusetzen, Quellen konsequent zu hinterfragen und mögliche Ängste abzubauen. Gleichzeitig müsse der direkte Austausch mit Lehrkräften und Mitschülerinnen und Mitschülern erhalten bleiben. Nur im Dialog und durch die Verbindung mit realen Erfahrungen könne das durch KI Erfahrene und Gelernte angemessen eingeordnet werden.
„Es kommt auf das WIE an“, betonte Horz
Positive Lerneffekte entstehen nachweislich nicht durch den bloßen Einsatz der Technologie, sondern erst dann, wenn Aufgaben zunächst traditionell und eigenständig bearbeitet werden und die KI erst im Nachgang für unterstützendes, formatives Feedback herangezogen wird.
Um diesen Herausforderungen zu begegnen, forderte Horz den gezielten Aufbau von KI-Kompetenz (AI Literacy) bei Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften. Dies umfasst das Verständnis der Funktionsweise von KI, die fähigkeitsbezogene Evaluation von KI-Ergebnissen sowie die ethische und gesellschaftliche kritische Reflexion der Nutzung.
Darüber hinaus erfordere das KI-Zeitalter einen grundlegenden Wandel der schulischen Aufgaben- und Prüfungskultur: Weg von der reinen Bewertung des Endprodukts müsse der Fokus stärker auf den individuellen Lern- und Entwicklungsprozess gerichtet werden
Macht uns KI dümmer?
Neben den Chancen und Risiken der Technologie ging Professor Horz auch einer grundsätzlichen Frage nach: „Macht uns KI dümmer?“
In einer kompakten Darstellung fasste er zusammen, welche Auswirkungen einer dauerhaften und unreflektierten KI-Nutzung auf Denken und Lernen diskutiert werden. Thematisiert wurden unter anderem die Gefahr einer „digitalen Amnesie“ durch die Verlagerung von Denkaufgaben auf technische Systeme, eine Fragmentierung der Aufmerksamkeit durch die zunehmende Informationsflut sowie mögliche Abhängigkeitseffekte.
Auch soziale Isolation durch eine zunehmende Verlagerung menschlicher Kontakte in digitale Räume und mögliche Auswirkungen auf Kreativität wurden angesprochen. Wenn die Ideenfindung zunehmend über standardisierte Prompts erfolge, könne dies langfristig auch die Vielfalt kreativer Prozesse beeinflussen.
Wenn das Internet selbst zum Problem wird
Besonders eindringlich war Professor Horz' Blick auf die Entwicklung des World Wide Web. Dieses drohe durch die zunehmende Flut KI-generierter Inhalte, Fakes und kommerziell motivierter Beiträge an Qualität und Vertrauen zu verlieren.
Nach Angaben von Horz seien bereits heute große Teile der Inhalte in großen Online-Foren von Bots generiert. Damit gehe ein erheblicher Qualitätsverlust einher. Zugleich bestehe die Gefahr, dass durch gezielte und verzerrende Inhalte die öffentliche Meinungsbildung beeinflusst und destabilisiert werde – bis hin zur Beeinflussung von Wahlen.
Die zunehmende Konzentration auf wenige große Plattformen verstärke diese Entwicklung. KI könne zudem zur Erstellung von Deepfakes und damit auch zum digitalen Identitätsraub eingesetzt werden. Auch der Einsatz von KI zum Täuschen bei Klassenarbeiten und zentralen Prüfungen werde voraussichtlich zunehmen, wenn nicht geeignete Gegenmaßnahmen entwickelt würden. Diese wiederum stießen teilweise an rechtliche Grenzen.
Seit August 2026 gelten dabei unter anderem erhöhte Anforderungen an:
Transparenz, Kennzeichnung und Vorsicht bei Hochrisikoanwendungen.
Eine weitere Herausforderung sah Professor Horz in der wachsenden digitalen Kluft zwischen Familien und Schulen, die über die notwendigen Kompetenzen und finanziellen Möglichkeiten für einen souveränen Umgang mit digitalen Technologien verfügen, und jenen Familien und Schulen, denen diese Voraussetzungen fehlen.
Vom Vortrag in die Praxis: Workshops
Die Zuhörenden – darunter auch Gäste wie der ehemalige Leiter der Phorms School, Michael Gehrig, sowie der Leiter des Pädagogischen Zentrums, Dr. Peter-Felix Ruelius – hatten anschließend viel Stoff zum Nachdenken. Einig waren sich die Beteiligten darin, dass Fortbildung und praktische Anwendung Hand in Hand gehen müssen.
Im Anschluss an den Vortrag wurden für die Lehrkräfte und Gäste drei fachbereichsbezogene Workshops angeboten. Geleitet wurden sie von Mitarbeiterinnen aus dem Team von Professor Horz: Apl. Prof. Dr. Miriam Hansen, PD Dr. Julia Mendzheritskaya und Dr. Carmen Heckmann.
Unter dem Titel „Lehren, Lernen und Prüfen im KI-Zeitalter“ konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aktuelle KI-Anwendungen selbst ausprobieren und deren Möglichkeiten und Grenzen kennenlernen.
In den Runden des kollegialen Austauschs wurden Präsentationen erstellt, Anwendungen jenseits von ChatGPT erkundet und Arbeitsblätter mit komplexen mathematischen Formeln innerhalb kürzester Zeit generiert – einschließlich der dazugehörigen Lösungen.
Dabei zeigte sich auch, dass KI längst nicht alles kann: Beim Versuch, den Satz des Pythagoras zu beweisen, scheiterte eine Anwendung. Das sorgte für Erheiterung – und für einen durchaus beruhigenden Moment im Kollegium.
„Man braucht uns ja doch noch“, kommentierte ein Teilnehmer augenzwinkernd.
Gleichzeitig wurden im Kollegium echte KI-Könnerinnen und -Könner entdeckt. Im abschließenden Plenum entstand deshalb die Idee, künftig verstärkt auf kleine kollegiale Fortbildungen zu setzen und das vorhandene Wissen innerhalb der Schule weiterzugeben.
Auf dem Weg zu einem eigenen KI-Leitfaden
Zum Abschluss des Pädagogischen Tages bedankte sich die Schulleitung beim Organisationsteam und bei den Referentinnen und Referenten. Zugleich wurde deutlich, wie ambivalent die Eindrücke des Tages waren: Faszination und Begeisterung über die neuen Möglichkeiten standen neben Nachdenklichkeit und Sorge angesichts der Geschwindigkeit der Entwicklung und ihrer möglichen Folgen.
Die Dokumentation der Workshops kann nun als Grundlage für die Entwicklung eines Leitfadens zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz an der Bischof-Neumann-Schule dienen.
Darüber hinaus befindet sich ein mögliches weiterführendes Pilotprojekt der Schulen der St. Hildegard-Schulgesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl von Professor Horz derzeit im Planungsstadium.
Der Pädagogische Tag hat damit vor allem eines gezeigt: Die Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz ist keine Zukunftsaufgabe mehr. Sie ist bereits heute ein zentraler Bestandteil von Schule – und verlangt neben technischem Verständnis vor allem eines: kritisches Denken, Dialog und die Bereitschaft, immer wieder neu zu lernen.
